Lyrik im Tusculum

 

 

Gemeinschaftsveranstaltung Erste Worte im Tusculum am 20. Mai 2016


Autoren

Herwart Engels, Peter Ernst, Gabriele Hager, Josef Heidinger und Gabriele Sommer


Bildende Künstler

Annemarie Bahr, Helmuth Hager, Bernhard Kölbl, Helga Kölbl, Peter Schlosser, Heinz Sgoff

und Simone Stingele


Bei der Präsentation stellten die AutorInnen einige ihrer Gedichte vor, die in Zusammenhang mit ebenfalls

gezeigten Werken aus Malerei, Fotografie und Bildhauerei stehen.  Der Ausstellung lag ein dialogisches

Kunstverständnis zu Grunde. Jedes Kunstwerk zeigt sich als etwas völlig Eigenes und zugleich als Ausdruck

der sozialen Einbettung des Künstlers. Es thematisiert nicht nur eine persönliche  Befindlichkeit, sondern

steht im Dialog mit den Rezipienten, anderen Kunstwerken und der Gesellschaft.


 

 

Fotoserie

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 Die Autoren - eine Textauswahl


Herwart Engels


Freiwild

Die Gedanken sind Freiwild.
Gestern erst hob ein
Gedanke einen andern
ganz leicht auf.
El toro, que huía –
Ein flüchtender, ein Stier?
Unerträglich breit fließt
auf diese Weise der
Strom dahin,
versickert im vertrockneten See.
Nun kommt hinzu neues
Freiwild, über und über bewachsen
mit herrlichem Schmuckhaar,
meerwogengleich, eine
brüchige Moderne.
Sie nimmt den Gedankenstier
aufs Korn.


Peter Ernst


dreisilbig, dreihebig, dreifarbig : Litauen

   

so weit das Auge reicht

ins blaue Feld gehäuft  


die Wolken sind gemäht

ganz grau unten im Schnitt

 

flach in die Luft gelegt

und leuchtend aufgeschäumt

 

die Dreschmaschine dröhnt

streut haufenweise Stroh

 

ins weite gelbe Feld

ins Himmelblau gestreut

 

das litauische Land:

das Land, die Luft, das Blau

 

im Kiefernwälderrand

so weit das Auge reicht

 

wie eine Sense zieht mit breitem Schwung der Storch den Bogen

hoch über den Asphalt, den wir flüchtig befahren


Gabriele Hager


Literarische Reflexionen zur Viale dei Glagoliti I - XI


schrift
die meinen namen
nicht erfasste
die sich noch im
dunkel verlor
ohne dass ein wort
die nacht entfesselte


I. die Säule der Cakavischen Volksversammlung

durch dunkle schleier der zeit
zeichen auf hellem grund
dort sind erste worte
in stein geschrieben


II. der Tisch von Kyrillos und Methodios

grau der stein
granit
auf dreifüßigem grund
der tisch ist gerichtet
davor die zypresse
steil wie die spitze
des speeres
mahnmal
des friedens


Josef Heidinger


Im Fluss. Driftende Gefühle I - VII

IV Trauer

und schließlich
bewegungslos bleiben und
tot
nur noch einmal im schräghellen Licht
dann versteinern.
Nichts bleibt dir
wenn tief versunken die quälenden Spiele
als mitzudriften
im schleppenden Sog deiner Wasser.


VII Gleichmut

Ohne das Plasma der Sonne zu filtern
wirst du werden zum sanft verrollenden Meer
hast längst auch vergessen
erinnerst nur wenig
und die schwarzrote Kälte der Tiefe
macht schwebend sich breit.
Dann wirst du
wenn alle Süße den ruhenden Wassern entzogen
ferne Küsten salzig bespülen
für lange.


Gabriele Sommer


Aus dem Logbuch eines Navigators aus Santander


Äquatoriale Kalmen

Im Inneren der Stille. Aquatisches Licht. Weite. Am Schiffsrand dampfen Tropfen. Gedanken zerfließen zu Federwolken. Spielerisch. Übergänge in Metamorphosen. Menschlich. Unirdisch. Wandelgestalten. Schöpferisch.

Gesichter erscheinen. Schriften. Unlesbar auseinander ziehende Schlieren im Zephir. Siehst du dort? Ruhelose Bewegung zur Mitte. Fäden. Fächer. Wie Hände gebreitet aus weißem Nichts. Sie berühren sich. Scheinbar. Treiben vorbei in ununterscheidbaren Schichten.

Einsame Identitäten. Isoliert. Gespiegelt in Bildern. Verbunden im Raum außerhalb der Wahrnehmung. Irreal. Gefühle ohne Grund. Abstrakt. Spürst du? Wie ich? Selbstähnlich übertragbar. Bei Berührung zerfällt es. Rätsel in Auflösung.

Cumuluswolken im Aufwind. Scharf begrenzt. Dichte. Konzentration. Im Amboss hallt ein Wort. Mittelbar. Stimmen unter dem Kiel. Hörst du sie? Sprache. Beginn der Welt. Kein Ort der Geborgenheit.

Leichter Wind. Böen. Zufällige Wellen. Im Kielwasser die kaum sichtbare Spur. Weder Küstenlinien noch Routen sind zu kartographieren. Nur das tausendfältige Wie vergangener Expeditionen. Erinnerung. Jedes Mal anders. Bis sich Unwirkliches zu Wirklichkeit entstellt. Bedeutung leuchtet auf. Versinkt. Kugel aus Wasser und Himmel. Klares Blau.

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Herbstlose   

Acryl auf Karton / 50 x 70 cm

  

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